Wenn sich eine Entscheidung zuerst wie ein Rückschritt anfühlt …
Gerade einmal drei Monate nach der Geburt meiner Tochter habe ich Zürich verlassen. Und wenn man es genau nimmt, hatte unsere Kleine zu diesem Zeitpunkt quasi noch einen Touristenstatus, während ich als Bürgerin meinen Wegzug offiziell melden musste. So haben wir Zürich also gemeinsam verlassen: meine Tochter, mein Partner und ich als ehemalige Einwohnerin, mit einem Koffer voller Erinnerungen und einem Herzen voller Dankbarkeit. Dankbar für die Menschen & Patienten, die ich kennenlernen durfte, für neue Freundschaften, wertvolle berufliche Erfahrungen und für einen ganz besonderen Lebensabschnitt, in dem ich nicht nur beruflich und menschlich gewachsen bin, sondern auch Mama werden durfte. Zürich wird deshalb immer einen Platz in meinem Herzen haben – auch wenn unser gemeinsamer Aufenthalt letztlich kürzer war als gedacht.
Vielleicht fragst du dich jetzt: Wenn ich Zürich so sehr geschätzt habe, warum bin ich dann überhaupt gegangen?
Die Antwort ist, dass es nicht diesen einen ausschlaggebenden Grund gab. Vielmehr sind mehrere Dinge zusammengekommen.
1. Beruflich hat sich plötzlich vieles verändert
Ein grosser Teil dessen, weshalb ich mich in Zürich so wohlgefühlt habe, war meine Arbeit in der SWAK-Zahnarztpraxis. Ich mochte nicht nur meine Tätigkeit, sondern auch das Team und das Gefühl, dort angekommen zu sein.
Zum Ende meiner Schwangerschaft kam es dann zu Veränderungen. Die Praxis löste sich in ihrer bisherigen Form auf, und mein Chef fand die Möglichkeit, als angestellter Zahnarzt in einer anderen Praxis weiterzuarbeiten. Er nutzte diese Chance, und die Praxis zog an den neuen Standort. Das bisherige Team blieb jedoch nicht in dieser Form zusammen.
Damit veränderte sich auch für mich etwas Wesentliches. Denn es war nicht einfach nur ein Arbeitsplatz, den ich verlor, sondern auch ein Umfeld, in dem ich mich sehr wohlgefühlt hatte.
Plötzlich war etwas, das sich lange vertraut und sicher angefühlt hatte, nicht mehr dasselbe.
2. Wir fanden nicht das Zuhause, das wir uns wünschten
Mit einem Kind verändert sich der Blick auf das eigene Zuhause. Es geht nicht mehr nur darum, eine schöne Wohnung zu haben. Es geht auch um Platz, Umgebung, Lebensqualität und darum, sich langfristig ein Zuhause schaffen zu können.
In unserer Heimat ergab sich plötzlich die Aussicht auf eine wunderschöne, grosse Wohnung. Allein dieser Gedanke fühlte sich für uns nach einer ganz neuen Möglichkeit an.
3. Wir wussten, dass sich unsere Prioritäten verändern würden
Meine Grosseltern leben in meiner Heimat, und auch Freunde sind dort. Ich wusste, wie wertvoll es sein würde, vertraute Menschen in unserer Nähe zu haben, gerade dann, wenn wir mit unserer Tochter in einen ganz neuen Lebensabschnitt starten.
In Zürich hätten wir dieses familiäre Netzwerk nicht in derselben Weise gehabt. Hier dagegen können wir Nähe leben, spontan Zeit miteinander verbringen und wissen, dass Menschen da sind, auf die wir zurückgreifen können.
4. Auch die finanzielle Perspektive spielte eine Rolle
In Deutschland kann ich Elterngeld beziehen. Dadurch habe ich die Möglichkeit, länger bei meiner Tochter zu bleiben und diese besondere Zeit bewusster zu erleben, ohne direkt wieder in meinen Beruf zurückkehren zu müssen.
Diese Unterstützung ist für mich ein grosser Vorteil und gibt mir ein Stück finanzielle Sicherheit in einer Lebensphase, in der sich ohnehin sehr vieles verändert.
Mir war wichtig, nicht nur darüber nachzudenken, wo wir leben möchten, sondern auch darüber, wie unser Alltag als Familie aussehen soll und welche Möglichkeiten wir haben.
5. Mama zu sein war immer ein grosser Wunsch von mir
Und vielleicht ist das der wichtigste Punkt von allen.
Mutter zu werden war für mich schon immer ein grosser Wunsch. Ich wollte diese Zeit nicht einfach nur erleben, während der Alltag an mir vorbeizieht. Ich wollte bewusst dabei sein, meine Tochter begleiten und die vielen kleinen Momente mitbekommen, die man nicht wiederholen kann.
Die ersten Monate, das gemeinsame Ankommen, die Entwicklungsschritte, die Nähe und die kleinen Augenblicke im Alltag – all das ist für mich unglaublich wertvoll.
Ich möchte nicht behaupten, dass es nur einen richtigen Weg gibt, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Aber für mich persönlich war klar, dass ich möglichst viel Zeit mit meiner Tochter verbringen möchte.
Im Rückblick fügt sich vieles zusammen
Wenn ich heute auf die vergangenen Monate schaue, sehe ich nicht mehr nur die Dinge, die sich verändert oder aufgelöst haben. Ich sehe auch die Möglichkeiten, die dadurch entstanden sind.
Die Zahnarztpraxis, in der ich mich so wohlgefühlt hatte, gab es in ihrer bisherigen Form nicht mehr. Unsere Wohnungssuche in Zürich gestaltete sich schwierig. Gleichzeitig wurde mir immer klarer, wie sehr ich mir familiäre Nähe, ein schönes Zuhause und Zeit mit meiner Tochter wünschte.
In meiner Heimat warteten plötzlich Möglichkeiten auf uns, die zu genau diesen Wünschen passten: eine grosse Wohnung, Grosseltern im selben Landkreis, Freunde in der Nähe und die Möglichkeit, durch das Elterngeld in Deutschland länger bei meiner Tochter zu bleiben.
Damals konnte ich noch nicht wissen, wie stimmig sich all das einmal anfühlen würde.
Ich habe viel Mut gebraucht, die Tür hinter mir zu schliessen, obwohl ich noch nicht genau wusste, was mich auf der anderen Seite erwartet. Zu gross war die Angst zurück zu gehen, in die Heimat, wo ich früher unbedingt wegwollte.
Heute weiss ich: Nicht jede Entscheidung, die sich zunächst wie ein Rückschritt anfühlt, führt uns tatsächlich zurück.
Manchmal bringt sie uns näher zu dem Leben, das wir tief in unserem Inneren schon lange führen möchten.
Love, Sabine

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